ECHO Zeitungen - Textarchiv


Datum:

09.12.2007

Verfasser:

Schmidt, Albrecht

Freundliche Kehrseiten des Lebens

 

Konzert : Erstaufführung von Werken des Darmstädter Hoforganisten Johann Christian Heinrich Rinck in Gräfenhausen

 

Von Albrecht Schmidt

Gräfenhausen. „Ich möchte als Diener einer heiteren Kunst dem Ernste des Lebens nach Kräften eine freundliche Kehrseite verschaffen.“ Diese von Johann Christian Heinrich Rinck 1833 in seiner Selbstbiografie formulierte Lebenseinstellung bestimmt auch die Musik des zu Beginn des 19. Jahrhunderts lange in Darmstadt als Hoforganist, Geiger in der Hofkapelle, Kantor und Musiklehrer wirkenden Künstlers.

In der evangelischen Kirche Gräfenhausen kamen nun drei Sextette Rincks zur Erstaufführung, die der rührige Musikwissenschaftler und Verleger Christoph Dohr nach erfolgter Publikationsgenehmigung durch die Musikabteilung der Yale-Universität (hier lagerten Rinck-Autographe) ediert und dem Kölner „Ensemble 1790“ zur musikalischen Einstudierung überlassen hat. Veranstaltet von der 1996 in Darmstadt gegründeten Rinck-Gesellschaft wurde in Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk ein denkwürdiges Konzert, das die Besucher mit der Kammermusik eines Komponisten überraschte, die stilistisch an Haydn und Mozart anknüpft und im kompositorischen Einfallsreichtum dem altersgleichen Beethoven kaum nachsteht.

Die drei „Sestetti“, von dem auf historische Aufführungspraxis spezialisierten „Ensemble 1790“ facettenreich musiziert, bieten eine originelle Besetzung: Violine und Bratsche konzertieren mit Horn und Klarinette oder Oboe; neben dem Tasteninstrument (am Hammerflügel der Ensemble-Leiter Harald Hoeren) beschränkt sich das Cello auf eine Grundierung des Bassfundaments.

Die Kölner Musiker spielen stilsicher und entlocken ihren historischen Instrumenten auch in virtuosen Passagen (hervorragend koordinierte Läufe bei kniffligen Kopplungen) saubere Töne, die sich im Zusammenspiel zu einem sonoren, aber stets transparenten Ensembleklang verbinden. Die Interpreten geben der durchweg gefälligen Musik einen natürlichen Fluss und unterstreichen mit pointierten Akzenten Rincks originelle, bisweilen sogar skurrile Pointen: markante Tonartwechsel in den Durchführungsteilen der Kopfsätze oder kuriose formale Tricks wie Überraschungsmomente, die sich durch Generalpausen nach Spannungsakkorden einstellen.

Schwachpunkte der Sextette sind die reichlich knapp formulierten, kaum in tiefgründige Regionen vordringenden langsamen Sätze, während sich die Finali mit fanfarenartigen Jagdsignalen oder ungarischen Effekten, orchestraler Farbigkeit und perlender Tastengeläufigkeit als verkappte Klavierkonzert-Sätze entpuppen. Dabei besteht das Verdienst der hervorragenden Instrumentalisten darin, dass sie die Klavierlastigkeit dieser Werke weitgehend vergessen machen, indem sie sinnfällig die Einzelstimmen herauspräparieren.

Ebenfalls mit großer Kompetenz in Hinblick auf die historische Aufführungspraxis erklang Rincks Klaviertrio Es-Dur: klanglich schön, stets mit Formgefühl und Sinn für die dramatischen Kontraste, aber auch ohne Scheu vor Kanten und Schroffheiten. Insgesamt eine lohnende Wiederentdeckung von Kammermusik-Raritäten eines Komponisten, dessen heitere Kunst imstande war, den begeistert applaudierenden Zuhörern, von Christoph Dohrs einführenden Worten zusätzlich bestens betreut, Freude zu bereiten. Zu Beginn des Jahres 2008 (ein genauer Sendetermin konnte noch nicht genannt werden) soll Gelegenheit sein, das vom Hessischen Rundfunk mitgeschnittene Konzert nochmals zu hören.